Die Geschichte des Wisents ist untrennbar mit Berlin verbunden. Nach mehr als 100 Jahren kehrt die koordinierte Wisent-Rettung dahin zurück, wo sie 1923 ihren Anfang genommen hat – in den Zoo Berlin. Damals trafen sich im Zoo Berlin Expert*innen aus ganz Europa, um die „Internationale Gesellschaft zur Erhaltung des Wisents“ zu gründen – der Grundstein für das heutige Erhaltungszuchtprogramm und ein Vorbild für alle darauffolgenden Erhaltungszuchtprogramme anderer bedrohter Tierarten. „Noch bevor der letzte Wisent in der Wildnis erschossen wurde, wurde Berlin schon zur Wiege seiner Wiederauferstehung“, sagt Dr. Andreas Knieriem, Direktor von Zoo und Tierpark Berlin. „Seitdem ist Berlin ein zentraler Ort, an dem Tradition, wissenschaftliche Expertise und moderne Artenschutzpraxis aufeinandertreffen. Mit Frau Dr. Hahn als Koordinatorin des EEP stellen wir sicher, dass dieses wichtige internationale Zuchtprogramm auf höchstem Niveau fortgeführt wird und Berlin auch in Zukunft ein zentraler Knotenpunkt für den Schutz dieser einzigartigen Art bleibt.“
Als Säugetierkuratorin für Huftiere ist Dr. Jennifer Hahn auch für die Wisente im Zoo Berlin zuständig. In ihrer Promotion hat sie sich mit dem nächtlichen Verhalten von Huftieren in zoologischen Einrichtungen befasst und bereits neun wissenschaftliche Publikationen verfasst. Als neue EEP-Koordinatorin wird sie künftig die internationale Zusammenarbeit steuern, den Austausch von Tieren zwischen Zoos koordinieren und die langfristige Erhaltungsstrategie für den Wisent vorantreiben. Aktuell laufen bereits die Vorbereitung für den nächsten Transport in das Wiederansiedlungsprojekt im Kaukasus. „Die Übernahme der Koordination des EEP erfolgt im Auftrag des europäischen Zooverbandes EAZA und ist ein weiterer wichtiger Schritt, unser Berliner Engagement für diese Art weiter zu vertiefen und in einen noch umfassenderen, zukunftsorientierten Ansatz zu überführen. Ich freue mich auf diese neue Herausforderung“, sagt Dr. Hahn und ergänzt: „Ohne Zoos gäbe es den Wisent heute nicht mehr. Die Tierart ist das perfekte Beispiel dafür, dass Artenschutz funktioniert, wenn man über Grenzen hinweg zusammenarbeitet.“
Die Rettung des Wisents ist zu einer der größten Erfolgsgeschichten im internationalen Artenschutz geworden. Der Wisent war ursprünglich in großen Teilen Europas verbreitet. Doch Lebensraumverlust und -fragmentierung sowie die Jagd führten zu einem drastischen Bestandsrückgang. Im Jahr 1919 verschwand der Wisent infolge des Ersten Weltkriegs aus dem Białowieża-Urwald und die Population im Kaukasus wurde zur letzten wild lebenden Wisent-Population. Im Jahr 1927 wurde der letzte Wisent im Kaukasus erschossen – damit war die Art im natürlichen Lebensraum als ausgerottet. Nur wenige Individuen überlebten in menschlicher Obhut. Heute leben dank koordinierter Erhaltungszucht dieser letzten Wisente und Wiederansiedlungsprojekten wieder mehr als 8.000 Tiere unter anderem in Polen, Rumänien, der Ukraine und Russland.
Zoo und Tierpark Berlin engagieren sich seit Jahrzehnten für die Rückkehr des Wisents in seine natürlichen Lebensräume. Aktuell sind die Zoologischen Gärten Berlin an einem der größten Wiederansiedlungsprojekt der Erde beteiligt. In Zusammenarbeit mit dem WWF und weiteren Partnern werden 100 Wisente im Kaukasus angesiedelt. Bislang wurden bereits 46 Wisente aus Europa in den Shahdag-Nationalpark in Aserbaidschan transportiert und ausgewildert. Bis 2028 sollen 50 weitere Tiere aus europäischen Zoos dort den Grundstein für eine wiederangesiedelte Population legen. Auf Grund der Größe des Nationalparkes hat diese ein hohes Potenzial, sich über die Jahrzehnte zu einer größeren Population zu entwickeln.
Eckdaten
- Seit 1872 leben Wisente im Zoo Berlin.
- Im Zoo Berlin wurde 1923 die „Internationale Gesellschaft zur Erhaltung des Wisents“ gegründet.
- Seit 1927 gilt der Wisent in der Natur als ausgestorben.
- Die gesamte heutige Wisent-Population geht auf 12 Gründertiere zurück.
- Mehr als 200 Wisente kamen im Zoo und Tierpark Berlin schon zur Welt.
- Aktuell sind rund 350 Wisente Teil des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms.

