Ein Bergbongo aus dem Zoo Berlin wird Teil eines internationalen Wiederansiedlungsprojekts in Kenia – ein bedeutender Schritt zur Rettung einer der seltensten Antilopen der Erde. Der Zoo Berlin beteiligt sich damit an einer internationalen Artenschutz-Initiative zum Schutz des stark bedrohten Bergbongos. Diese größte Waldantilope der Welt ist in Kenia heimisch und kommt nur in wenigen, voneinander getrennten Wäldern Zentralkenias vor. Auf der Roten Liste wird der Bongo als stark gefährdet geführt; die jüngste Zählung der kenianischen Regierung schätzt, dass nur noch etwa 100 Tiere in der Wildnis leben, deren Populationen stark fragmentiert sind.
Diese niedrigen Zahlen sowie die scheue Lebensweise der Tiere erschweren die Bildung stabiler Wildpopulationen. Daher sieht der Nationale Wiederherstellungs- und Aktionsplan für den Bergbongo in Kenia die Zucht in menschlicher Obhut als eine der wichtigsten Strategien an, um die Art langfristig zu sichern. Ziel der aktuellen Initiative ist es, Tiere aus europäischen Zoos, darunter auch aus dem Zoo Berlin, nach Kenia zurückzuführen, um die genetische Vielfalt der Wildpopulation zu erhöhen und neue Bestände aufzubauen.
Insgesamt vier männliche Tiere werden derzeit im Rahmen eines wissenschaftlich begleiteten Programms nach Kenia überführt, eines davon stammt aus dem Zoo Berlin. Der 2023 geborene Bongobulle soll in Kenia für Nachwuchs sorgen und spielt daher eine wichtige Rolle in der Rettung der Tierart. „Es ist kaum vorstellbar, dass von diesen beeindruckenden Tieren nur noch etwa 100 Individuen in der Wildnis leben. Als moderne zoologische Einrichtung und langjährige Halter von Bongos tragen wir eine besondere Verantwortung“, erklärt Zoo- und Tierparkdirektor Dr. Andreas Knieriem. „Wir haben großen Respekt und hohe Anerkennung für die Arbeit unserer Kollegen und Kolleginnen in Kenia, die sich der Rettung dieser Art verschrieben haben und sind sehr gern Teil dieser wichtigen Initiative.“
Die Rückführung erfolgt in enger Zusammenarbeit mit dem europäischen Ex-situ-Programm (EEP) der European Association of Zoos and Aquaria (EAZA), das eine genetisch gesunde und robuste Population von Bergbongos in 47 akkreditierten europäischen Zoos koordiniert. Ziel ist es, die genetische Vielfalt und Fortpflanzungsfähigkeit der Population in Kenia zu stärken und langfristig stabile Bestände für Wiederansiedlungen aufzubauen. Die Auswahl der Tiere erfolgte durch den EEP-Koordinator und ein Artkomitee anhand strenger wissenschaftlicher Kriterien, darunter genetische Repräsentation, mittlere Verwandtschaftswerte, Alter und Verhalten.
Vor ihrer Ausreise durchlaufen alle Tiere umfassende veterinärmedizinische Untersuchungen sowie eine streng geregelte Quarantänephase. Diese findet im Safari Park Dvůr Králové in Tschechien statt. Nach ihrer Ankunft in Nairobi werden die Tiere vom Kenya Wildlife Service (KWS) übernommen und unter tierärztlicher Aufsicht zur Mount Kenya Wildlife Conservancy (MKWC) transportiert.
Dort werden sie zunächst intensiv überwacht und an ihre neue Umgebung gewöhnt, bevor sie schrittweise in das bestehende Zuchtprogramm integriert werden. Ziel ist es, langfristig gesunde Nachkommen für die Wiederansiedlungen in Kenia zu ermöglichen.
Der Zoo Berlin erhielt seine ersten Bergbongos bereits 1971, und über viele Generationen hinweg wurden zahlreiche Jungtiere geboren. Seit mehr als 55 Jahren arbeitet der Zoo Berlin daran, diese beeindruckende, aber vom Aussterben bedrohte Antilopenart zu schützen und zu erhalten. „Wir fühlen uns sehr geehrt, Teil eines außergewöhnlichen internationalen Netzwerks aus unterschiedlichen Disziplinen und Kulturen zu sein, die gemeinsam an der Rückkehr des Bergbongos nach Kenia arbeiten“, erklärt Christian Kern, Zoologischer Leiter von Zoo und Tierpark Berlin. „Aus unserer Erfahrung mit anderen Projekten wie unserer Wisent Wiederansiedlung im Kaukasus wissen wir, dass wir mit solchen gemeinschaftlichen Projekten echte Erfolge erreichen können“, ergänzt er.
Am Projekt sind Naturschützer*innen aus Großbritannien, Dänemark, Tschechien, Slowakei, Deutschland und nicht zuletzt Kenia involviert, welche die Arbeit vor Ort umsetzen. Dr. Erustus Kanga, Generaldirektor des Kenya Wildlife Service, erläutert: „Dieses Projekt zeigt Kenias starkes Engagement für die Umsetzung international anerkannter Best Practices im Artenschutz. Durch die enge Zusammenarbeit mit dem europäischen Ex-situ-Programm (EEP) und weiteren Partnern wird die Rückführung von strengen Biosicherheitsmaßnahmen, wissenschaftlich fundiertem Populationsmanagement sowie langfristiger Wiederherstellung und Sicherung von Lebensräumen begleitet. Dieser integrierte Ansatz stärkt die nationalen Bemühungen, lebensfähige und sich selbst erhaltende Populationen des Bergbongos wieder aufzubauen. Als in Kenia endemische Art mit hoher naturschutzfachlicher Bedeutung hat ihre erfolgreiche Wiederherstellung weiterhin höchste Priorität.“
„Die Bongobullen aus Europa sind ein zentraler Bestandteil unseres Wiederansiedlungsprogramms. Nachdem wir den Meilenstein von 100 Bergbongos in der Mount Kenya Wildlife Conservancy erreicht haben, liegt unser Fokus nun auf einem nachhaltigen Wachstum, mit dem langfristigen Ziel, bis 2050 eine Population von mindestens 750 Tieren aufzubauen. Die Einführung dieser genetisch wertvollen Tiere wird unsere Zuchtstruktur stärken, das Populationswachstum beschleunigen und eine widerstandsfähige Population schaffen, die langfristige Wiederansiedlungen in Kenias Wäldern ermöglicht“, erklärt der Leiter der Mount Kenya Wildlife Conservancy, Dr. Robert Aruho.
Hintergrund
Der Bergbongo gehört zu den am stärksten gefährdeten Säugetieren der Erde und ist eine Unterart des Bongos, der größten Waldantilope weltweit. Er ist ausschließlich in den Bergwäldern Kenias beheimatet und unterscheidet sich vom häufiger vorkommenden Flachlandbongo durch seine dunklere Färbung und größere Körpergröße.
Seit den 1950er Jahren sind die Bestände drastisch zurückgegangen. Hauptursachen sind Wilderei, Lebensraumverlust durch Abholzung und landwirtschaftliche Nutzung sowie Krankheiten – insbesondere die Rinderpest, die in den 1980er Jahren große Teile der Population auslöschte. Heute sind die verbliebenen Tiere auf wenige, isolierte Waldgebiete verteilt, was den genetischen Austausch stark einschränkt und die Art zusätzlich gefährdet. Bereits seit mehreren Jahrzehnten spielen zoologische Einrichtungen eine zentrale Rolle beim Schutz des Bergbongos. Durch koordinierte Zuchtprogramme konnte eine stabile Reservepopulation in menschlicher Obhut aufgebaut werden. Diese dient nun als wichtige Grundlage für internationale Wiederansiedlungsprojekte wie das aktuelle Programm in Kenia. Ziel ist es, langfristig wieder selbsttragende, genetisch vielfältige Wildpopulationen aufzubauen und den Bergbongo dauerhaft in seinem natürlichen Lebensraum zu sichern.
Foto: © Mount Kenya Wildlife Conservancy
