Zoogeschichte|n – rührend, bestürzend, überraschend

Armbruster Fellows entdecken den historischen Zoo Berlin

Es gibt nur wenige Besprechungsräume, von denen aus man einen Elefanten beobachten kann. Der Sitzungsraum im Verwaltungsgebäude des Zoo Berlin grenzt direkt an das Elefantengehege und so können Hilla Lavie und Tuvia Singer bei ihrem Treffen mit dem Zoodirektor Dr. Andreas Knieriem durch das Fenster auch den Elefantenbullen Victor, geboren 1993 im Zoo von Ramat Gan in Israel, bei seinem bedächtigen Gang beobachten. Hilla Lavie und Tuvia Singer sind zwei von zurzeit insgesamt vier „Armbruster Fellows“ an der Freien Universität Berlin.

Der Zoo für die Wissenschaft

Neben Bildung und Artenschutz gehört auch die Förderung der Wissenschaft zu den Aufgaben eines Zoologischen Gartens. Deshalb fördert der Zoo Berlin mit dem Ludwig Armbruster Fellowship Doktorandinnen und Doktoranden der Hebrew University of Jerusalem mit einem Stipendium für einen Aufenthalt an der Freien Universität Berlin. Unterstützt werden Doktorandinnen und Doktoranden der Hebrew University of Jerusalem, die an der Freien Universität Berlin einen Teil ihrer Promotion verbringen wollen. Drei bis zwölf Monate können Promovierende aus den Fächern Veterinärmedizin, Biologie, Ethik oder Geschichte in Berlin forschen. Auch ein Besuch im Zoo ist natürlich Teil des Programms.

Ludwig Armbruster

Das Stipendium wurde 2015 – im 50. Jubiläumsjahr der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel – eingerichtet. Es erinnert an den Biologen und Bienenforscher Ludwig Armbruster (1886-1973), der an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität lehrte – bis er 1934 entlassen wurde, weil er nicht mit den Nationalsozialisten kooperieren wollte. Armbruster unterhielt zudem Beziehungen mit jüdischen Wissenschaftlern in Deutschland wie im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina. Erst 2007 wurde er rehabilitiert. Bisher haben bereits neun Doktorandinnen und Doktoranden an dem Programm teilgenommen.

Geschichte aufarbeiten

Die Förderung des Zoos ermöglicht es Doktorandinnen und Doktoranden der Hebrew University, hier zu forschen und Kontakte zu Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Freien Universität zu knüpfen. Der Zoo Berlin kommt mit der Förderung des Stipendiums nicht nur seinem Auftrag zur Forschungsförderung nach, sondern stellt sich auch seiner gesellschaftlichen Verantwortung. Er war immer im Zentrum der Gesellschaft – im Guten wie im Schlechten. So passte sich die damalige Zooleitung dem neuen nationalsozialistischen Regime bedingungslos an und drängte jüdische Aufsichtsratsmitglieder bis 1936 aus dem Leitungsgremium der Zoo AG. Der Zoo profitierte in einigen Fällen als Zwischenhändler auch vom erzwungenen Verkauf der Aktien jüdischer Aktionäre.

Vielseitig spannend

Dass der Zoo nicht nur Biologenherzen höherschlagen lässt, sondern auch Historiker Spannende neue Einblicke bekommen können, hat Hilla Lavie und Tuvia Singer überrascht. Sie fanden es besonders interessant, die historische Dimension einer Berliner Institution kennenzulernen, die man sonst vor allem der Tiere wegen besucht. Ihm sei die Bedeutung des Zoo Berlin in und für die Geschichte Berlins nun erst richtig klargeworden, sagt Tuvia Singer.

Deutsch-israelische Nachkriegsbeziehungen

Beide Doktoranden promovieren im Fach Geschichte und forschen jeweils für ein Jahr an der Freien Universität. Hilla Lavie untersucht das Israel-Bild in westdeutschen Filmen der Nachkriegszeit. In ihrer Dissertation geht es konkret um die Nachkriegsbeziehungen zwischen Israel und der Bundesrepublik, insbesondere um die Darstellung Israels in westdeutschen Filmen zwischen den 1950er und 1970er Jahren. 

Sie nutzt den Aufenthalt in Berlin, um in Archiven wie der Kinemathek und dem Bundesarchiv nach Kino- und Fernsehfilmen zu recherchieren. Sie hat schon einige Werke ausfindig gemacht, die vorher kaum oder gar nicht in der Forschung zu ihrem Thema besprochen wurden.

Fremdes in deutschen Märchen und Sagen

Tuvia Singer beschäftigt sich mit Projektionen und historischen Begriffen des Fremden in Märchen und Sagen des 19. Jahrhunderts, wie sie unter anderem von den Gebrüdern Grimm, Ludwig Bechstein und Heinrich Pröhle erzählt wurden. Er ist mit seiner Frau und seinen beiden Kindern nach Berlin gekommen, erzählt er während des Zoorundgangs mit Kurator Dr. Tobias Rahde. Hier lernen die beiden auch, dass sich im Zoo in seiner fast 175-jährigen Geschichte auch in Sachen Tierhaltung viel verändert hat.

Zoogeschichte|n - neue Perspektiven auf den Zoo

Den Abschluss bildet ein Besuch zusammen mit dem Historiker Dr. Clemens Maier-Wolthausen in der von ihm kuratierten Ausstellung im Antilopenhaus. Als ältester Zoologischer Garten in Deutschland und neuntältester der Welt blickt der Zoo auf eine sehr lange und wechselvolle Geschichte zurück. In der Ausstellung „Berliner Zoogeschichte|n“ wird den Besucher anschaulich präsentiert, wie aus der Menagerie Friedrich Wilhelms III. auf der Pfaueninsel mit viel bürgerschaftlichem Engagement der artenreichste Zoo der Welt wurde. Für Hilla Lavie ist der Beitrag jüdischer Berliner zur Zoo-Entwicklung bis in die 1930er Jahre hinein besonders interessant. Die beiden Historiker finden es gut und wichtig, dass es die sorgfältig recherchierte Ausstellung gibt. Um die Unabhängigkeit der Forschung zu wahren, begleitete ein wissenschaftlicher Beirat, insbesondere zur Geschichte des Nationalsozialismus und zum Antisemitismus, die Entstehung der Ausstellung.

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