Pfeifen, Zwitschern, Tiriliern

Im Herbst bietet uns die Natur eindrucksvolle Szenen am Himmel und auf den Wiesen und Feldern. Vogelfreunde bekommen Gänsehaut, wenn die riesigen Kraniche hoch in der Luft ihre V-Formation annehmen oder Tausende von Gänsen in den Nebelschwaden an Flussauen rasten und sich für die große Reise gen Süden sammeln.

Pendelverkehr zwischen den Kontinenten

Etwa fünf Milliarden Vögel pendeln zwischen Europa und Afrika – die größte Migration weltweit (zum Vergleich: in der Serengeti machen sich jährlich circa 1,2 Millionen Gnus auf die Reise). Ein großer Teil dieses Zuges findet nachts, meist von den Menschen unbemerkt, statt. Doch gelegentlich wacht man morgens auf und hört plötzlich einen fremden Vogelgesang aus dem Garten.

Faszination Vogelwelt

Auch unter den Zoomitarbeitern gibt es viele begeisterte Hobby-Ornithologen und auch einige, die ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht haben, wie Vogelkurator Dr. Tobias Rahde. Wir haben uns mit ihm getroffen, um über seine Begeisterung für das Reich der Federn und sein Engagement für die internationale Vogelwelt zu sprechen.


Herr Dr. Rahde, vielen Dank, dass Sie sich Zeit für uns genommen haben. Das Vogelthema begleitet Sie schon sehr lange, wann oder wie haben Sie Ihr Interesse daran entdeckt?

Vögel an sich fand ich eigentlich schon immer faszinierend. Ich glaube, dass es grundsätzlich daran liegt, dass sie so völlig anders sind, als wir Menschen und es trotzdem speziell auch beim Verhalten immer wieder Parallelen gibt. Vertieft wurde dieses grundsätzliche Interesse dann während meines Zivildienstes, den ich im Bereich Umweltschutz in einem Moorgebiet in Niedersachsen gemacht habe. Dort lernte ich dann mit sehr fachkundigen Mentoren das richtige Beobachten von wildlebenden Vögeln, welches heute gemeinhin als ‚birden‘ bezeichnet wird. Außerdem konnte ich während dieser Zeit die eigene Wahrnehmung schulen und habe gelernt, die gängigen Vogelstimmen auseinanderzuhalten. Das war eine sehr schöne und spannende Zeit, die mich geprägt hat.

Sie haben sich in Ihrer Promotion eingehend mit Papageien befasst, was haben Sie im Rahmen Ihrer Dissertation genau erforscht und wie entstand die Idee dazu?

Speziell das Verhalten und die Intelligenz von Vögeln fand ich sehr spannend. Papageien und Rabenvögel gelten aufgrund ihrer Intelligenz als Primaten unter den Vögeln. Speziell Keas, mit denen ich mich beschäftigt habe, sind bekannt für ihre Innovationsfähigkeit, Neugier und technische Intelligenz. Ich wollte mit meiner Forschung herausfinden, welche kognitiven Fähigkeiten zu Vorstellungen der Keas führen können. Hierfür habe ich ihre Vorstellungen zur Objektpermanenz getestet, das heißt, ich bin der Frage nachgegangen, ob sie wissen, dass Dinge noch existieren, auch wenn sie nicht mehr zu sehen sind. Das lässt sich im Prinzip mit Hütchenspielen feststellen und es zeigte sich, dass sie tatsächlich über eine Objektpermanenz verfügen. Das ist übrigens eine Fähigkeit, die wir Menschen erst mit 12-18 Monaten erlernen. Des Weiteren haben Keas ein Bild von sich selbst im Kopf. Dieses lässt sich mit Spiegeltests erforschen. Hier zeigte sich, dass Keas ihr eigenes Spiegelbild erkennen und den Spiegel als Werkzeug nutzen um eine an sich selbst angebrachte Markierung zu entfernen. Diese hohe kognitive Leistung war bis dahin nur bei Schimpansen, Delphinen, Elefanten und Elstern bekannt.

Nun sind Sie als Vogelkurator im Zoo Berlin auch beruflich täglich im Kontakt mit Vögeln aus mehr als 300 Arten. Beschäftigt man sich privat dann trotzdem noch damit?

Auch privat lässt mich das Thema nicht ganz los. Im Oktober zieht es mich immer nach Linum. Hier beobachte ich dann gerne mit meinen Kindern zusammen den Einzug der Kraniche. Das ist jedes Jahr ein besonderes Naturschauspiel zu dem Birder aus ganz Europa anreisen. In diesem Jahr konnten wir dort über 30.000 Kraniche beobachten. Ansonsten kann ich jedem nur empfehlen jetzt in der kalten Jahreszeit die Vögel an den Futterstellen zu beobachten. Allerdings sollte man nur qualitativ hochwertiges Futter anbieten und auch die Futterstelle sauber halten. Dann kann man auch mit etwas Glück den einen oder anderen Zuggast, wie zum Beispiel Bergfinken oder Wintergoldhähnchen, beobachten.

In diesem Herbst sind Sie zum internationalen Zuchtbuchführer für Edwardsfasane geworden. Was ist am Edwardsfasan so besonders?

Der Zoo Berlin hat bereits seit einigen Jahren Untersuchungen in Vietnam unterstützt, bei denen mit Hilfe von Kamerafallen nach den letzten Edwardsfasanen in der Wildbahn gesucht wurde. Dabei sind unseren Kameras viele seltene Tierarten vor die Linse gekommen, allerdings kein einziger Edwardsfasan. Daher müssen wir inzwischen leider davon ausgehen, dass dieser Vogel in der Wildbahn ausgestorben ist. Gründe hierfür sind einerseits die Folgen des Krieges mit der gebietsweise immer noch andauernden Entlaubung der Bäume. Während des rund 20 Jahre andauernden Vietnamkrieges lag die entmilitarisierte Zone in der Provinz Quang Tri – mitten im ursprünglichen Verbreitungsgebiet des Edwardsfasans. Diese Region war von den stärksten kämpferischen Auseinandersetzungen betroffen. Dazu gehörte auch der aggressive Einsatz von chemischen Waffen wie dem hoch giftigen Entlaubungsmittel „Agent Orange“, der über Felder und Wälder verteilt wurde und katastrophale Folgen für Mensch und Umwelt hatte - und bis heute noch hat. Auf der anderen Seite macht die anhaltende Bejagung der Tiere und der stetige Verlust von Waldflächen den Edwardsfasanen sehr zu schaffen.

Und was genau ist Ihre Aufgabe?

Damit diese Art, welche sowohl in Zoos als auch bei einigen Privathaltern weltweit noch mit einigen Hundert Tieren vorhanden ist, nicht komplett ausstirbt, ist es elementar wichtig ein genaues Zuchtbuch zu führen, um den Bestand zu erfassen und zu managen. Und genau diese Aufgabe habe ich in diesem Jahr übernommen. Jetzt erstelle ich die Stammbäume der einzelnen Tiere, um hieraus neue, genetisch möglichst diverse Paare zu bilden. Begleitet wird dieses Zuchtbuch von einem in-situ Projekt in Vietnam, an welchem der Berliner Zoo ebenfalls maßgeblich beteiligt ist. Ziel dieses Projekts soll es sein, in zehn Jahren wieder eine stabile Population von Edwardsfasanen in ihrem natürlichen Lebensraum vorfinden zu können. Zu diesem Zweck bauen wir eine Zucht- und Auswilderungsstation in Zentral-Vietnam.

Ein spannendes Projekt, ist der Zoo nur in Vietnam aktiv oder setzen Sie sich auch noch an anderen Orten für den Schutz bedrohter Vögel ein?

Wir unterstützen Artenschutzprojekte auf der ganzen Welt und haben einige sogar mit aus der Wiege gehoben. Der Zoo Berlin engagiert sich beispielsweise für den Schutz des Blauaugenibis auf Madagaskar, die Nashornvögel in Indien oder den Hyazinth-Ara in Bolivien. Auch vor unserer eigenen Haustür – im Nationalpark unteres Odertal sind wir aktiv. Mit den regelmäßig überfluteten Auen ist das untere Odertal ein Paradies für Wasservögel als Brut-, Rast und Überwinterungsplatz. Rund 200.000 Wasservögel wie Gänse, Enten oder Kraniche ziehen im Herbst und im Frühjahr durch die Oderniederung. Alljährlich im Oktober suchen für einige Wochen bis zu 15.000 Kraniche im nördlichen Odertal ihre Schlafplätze auf. Außerdem brüten hier regelmäßig mehr als 145 Vogelarten wie Schwarzstörche, Adler oder auch die hochbedrohten Seggenrohrsänger und Wachtelkönige. Außerdem unterstützen wir die EAZA Kampagne „Silent Forest“, die auf das Verschwinden der Singvögel aus den Wäldern Südostasiens aufmerksam macht.

Was ist die Ursache für das Verschwinden?

Die Ursache für den Rückgang der Singvögel liegt in der Kultur der Region. Vögel in Volieren waren dort schon immer beliebt. Geschätzt hält jeder fünfte Haushalt in Indonesien einen Vogel als Haustier. Es gibt sogar einen richtigen Wettstreit zwischen Singvogelhaltern – das schönste Lied des begabtesten Singvogels verschafft dem Halter nicht nur einen höheren sozialen Status, die Wettbewerbe bieten auch einen finanziellen Anreiz für die Bevölkerung. Die Tradition der „songbird competitions“ erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit und ist zu einem regelrechten Sport geworden, der in seinen Dimensionen mit dem Fußball in Europa vergleichbar ist.  Entsprechend gutes Geld lässt sich mit dem Verkauf von Singvögeln verdienen. Dabei wird wild gefangenen Vögeln eine größere Begabung nachgesagt, als ihren nachgezüchteten Verwandten. Zudem ist es oftmals einfach Vögel in der Wildnis zu fangen und zu verkaufen, als sie zu züchten, denn viele wild gefangenen Vögel gehen kurz nachdem sie in einen Käfig gesperrt wurden ein. Auch für den Export, für den Verzehr und für medizinische Gründe werden Singvögel in den Wäldern Indonesiens gejagt. Die Nachfrage ist entsprechend groß und betroffen sind hunderte von Arten und Millionen von Tieren jedes Jahr. Auch hier arbeiten wir an einer Zuchtstation vor Ort, von der aus die jungen Singvögel wieder zurück in die Wälder kehren sollen.

Wie kann man so ein weit entferntes Thema für die Zoobesucher hier in Berlin greifbarer machen?

Wir sammeln ausgediente aber noch funktionstüchtige Ferngläser. Diese werden in Indonesien an Schulen verteilt, um somit das Bewusstsein und die Wertschätzung für die frei lebenden Vögel zu stärken und vielleicht sogar das „Birdwatching“ als Freizeitaktivität zu etablieren. Wer also beim Entrümpeln des Dachbodens oder bei Oma im Schrank ein Fernglas entdeckt, das er nicht selbst zur Vogelbeobachtung nutzen möchte, kann es gern im ServiceCenter bei uns im Zoo abgeben.

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