Making love, not war

14.02.2018

Das Leben der Bonobos im Kongo

Valentinstag ist inzwischen mehr als nur rote Rosen, teure Schokolade und Luftballons in Herzchen Form. Der Tag der Liebenden wurde nun auch zum Welt-Bonobo-Tag erkoren und es gibt wohl kaum eine Säugetierart, die besser zu diesem Tag passen würde. Bonobos sind eng mit den Schimpansen verwandt und gehören damit auch zu unseren engsten Verwandten im Tierreich. Doch das Sozialverhalten von Schimpansen und Bonobos unterscheidet sich trotz äußerlicher Ähnlichkeit sehr.

Viel Liebe – nicht nur am Valentinstag

Die sanftmütigen Bonobos sind stets um ein harmonisches Miteinander bemüht. Konflikte und Streit innerhalb ihrer Gruppe werden liebevoll geschlichtet – durch Sex. Der Liebesakt ist die Wunderwaffe der friedlichen Tiere, um Spannungen abzubauen. Anders als bei dem Schimpansen geben bei den Bonobos die Weibchen den Ton an. Sie verbünden sich miteinander, um sich bei den körperlich überlegenen Männchen durchsetzen zu können. Könnte es also ein netteres Symboltier für den Tag der Liebe geben, als den Bonobo?

Im Bonobo-Wald

Der Tierpfleger Ruben Gralki lebt im Zoo Berlin und ist dort für die Menschenaffen zuständig. Seine ganz besonderen Favoriten unter den Menschenaffen sind die Bonobos. Als Mitglied des Vereins Bonobos Alive e.V. engagiert er sich über seine Arbeit im Zoo hinaus auch privat für den Schutz unserer bedrohten Verwandten. Im Jahr 2015 erhielt er die seltene Gelegenheit in die Heimat der Bonobos zu reisen, die Arbeit der Forscher dort kennenzulernen und Bonobos in der Wildnis zu beobachten. Von diesem einmaligen Erlebnis berichtet er anlässlich des Welt-Bonobo-Tags in unserem heutigen Blogbeitrag.

Meine Reise zu den Bonobos

Aus der bestehenden Kooperation zwischen dem Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und dem Zoo Berlin, ergab sich für mich die seltene Möglichkeit in den natürlichen Lebensraum der Bonobos zu reisen. Dieser liegt ausschließlich in den Regenwäldern der Demokratischen Republik Kongo. Mein Ziel, das Forschungscamp „Luikotale“, befindet sich dort am Rande des Salonga-Nationalparks.

Die Anreise in den Kongo

Bereits die mehrtägige Anreise zum Camp empfand ich als ein wenig abenteuerlich. Nach dem Langstreckenflug in die Hauptstadt Kinshasa und einem dortigen Tagesaufenthalt, ging es mit einem gecharterten Kleinflugzeug weiter in das Landesinnere. Gleich zu Beginn des Fluges bot sich ein beeindruckender Blick über den Kongo-Fluss, welcher an dieser Stelle die Grenze zum Nachbarland Republik Kongo bildet.  Mit der vergehenden Flugzeit wurde die Besiedlung des Landes spärlicher und schließlich erstreckte sich nichts als Regenwald unter dem Flugzeug, durch den sich hier und da Flüsse schlängelten. Kurz vor Ende des Fluges rissen einige Savannen Löcher in die tiefgrüne Landschaft, bevor die Landung auf einer holperigen Sandpiste erfolgte. Unter Applaus wurden wir von einer großen Gruppe Bewohner der zwei nahegelegenen Dörfer, Ipope und Lompole, empfangen. Wir, das waren Forscher aus der Schweiz, Spanien, Frankreich und den USA, mit denen ich von Berlin aus gestartet war oder die in Kinshasa zur Gruppe stießen.

Das Dorf Lompole

Das Forschungsprojekt könnte ohne die Akzeptanz und Kooperation mit den angrenzenden Dörfern und deren Bewohnern nicht existieren. Vertraglich vereinbart, stellen sie Teile ihres Waldes, in dem Bonobos leben zur Verfügung, und verzichten dort auf die übliche Jagd zur Selbstversorgung. Das Geld aus dem Nutzungsvertrag kommt der Dorfgemeinschaft zugute. Die vielfältigen Aufgaben um das Camp und die Forschung zu betreiben, werden, ebenso wie der Schutz des Gebietes, von Dorfbewohnern bewerkstelligt.  Dies bietet ihnen alternative Einkommensquellen. Im Dorf namens „Lompole“ hatten wir wieder einen Tagesaufenthalt. Zeit, einen kleinen Eindruck vom einfachen Leben der Menschen vor Ort zu bekommen und sich mit den Gegebenheiten fernab der Zivilisation vertraut zu machen. Auf Schritt und Tritt folgte uns eine Kinderschar durch das Dorf, die nicht müde wurde darum zu bitten, noch ein weiteres Mal fotografiert zu werden. Unter lautem Gelächter wurde anschließend jedes dieser Bilder auf dem Monitor der Kamera in Augenschein genommen.

Die Rufe männlicher Hammerkopf-Flughunde, wie man mir am nächsten Morgen erklärte, waren die Hauptverantwortlichen für meinen schlechten Schlaf - in einer ersten Nacht voller ungewohnter Geräusche. Als letzte Etappe vor Erreichen des Forschungscamps stand nun noch ein Fußmarsch von ca. 25 Kilometern bevor. Wir überquerten zwei Savannen und liefen schließlich auf einem schmalen Pfad durch dichten Regenwald. Watend oder über Baumstämme ließen sich kleinere Flüsse überwinden, am größeren Lokoro-Fluss ging es nur noch im Einbaum weiter. Nach dessen Überquerung fuhren wir noch ein Stück durch überschwemmten Wald, um kurz darauf endlich eine Lichtung mit dem Camp zu erreichen.

LuiKotale – Das Camp

Das Camp besteht aus einigen Hütten, die teils Schlafzelten Wetterschutz bieten, teils als Vorratsräume oder Arbeitsplätze dienen. Relativ zentral gelegen befindet sich eine Hütte in der üblichen offenen Bauweise, die mit einem großen Tisch ausgestattet ist. Sie bildet den Mittelpunkt des Camps und ist gleichermaßen Treffpunkt zum gemeinsamen Essen, für Besprechungen, Freizeit - oder auch das Arbeiten am Computer.  Alles im Camp ist aus Hölzern und Palmenblättern errichtet. Toiletten und Duschen erreicht man auf kleinen Pfaden am Rande der Lichtung. „LuiKotale“ bietet so dauerhaft bis zu 20 Menschen - Forschern und Arbeitern aus dem Dorf - Platz.

Das Camp-Leben ist sehr einfach und doch fehlt es an nichts. Trink- und Duschwasser kommen aus dem Fluss, Lebensmittel aus dem Dorf. Maniokbrot und Reis bilden die Grundlage der Mahlzeiten. Ausgerechnet das täglich servierte Maniokbrot - „Kwanga“ genannt - war für mich bis zum letzten Tag eine, gelinde ausgedrückt, geschmackliche Herausforderung.  Einige Sorten Gemüse und Früchte sorgten für etwas Abwechslung und ein Fischer brachte regelmäßig frischen Fisch. Solarzellen sorgen für mal mehr, mal weniger Strom und mit Hilfe einer großen Antenne lassen sich über Radiowellen sogar E-Mails empfangen und senden. Wir wurden nach unserer Ankunft zuerst mit den Abläufen im Camp vertraut gemacht. Anschließend erhielten wir eine Unterweisung wie wir uns im Wald und in Anwesenheit der Bonobos zu verhalten haben. Es gibt ein angelegtes Netz aus markierten Waldwegen im Studiengebiet, trotzdem ist es unerlässlich mit GPS und Kompass umgehen zu können. Eines der vielen Dinge die ich lernte. Festgelegt war auch, was man unterwegs neben GPS und Kompass auf jeden Fall dabeihaben musste. Zu jedermanns Ausrüstung gehörte ein Mundschutz, eine Stirnlampe, eine Gartenschere, Schnur, ein Erste-Hilfe Set, Ersatzbatterien, ein Fernglas und ausreichend Wasser. Wozu all diese Dinge nötig sind sollte ich bald erfahren.

Die Mitglieder zweier Bonobo-Gruppen werden im Wald von LuiKotale regelmäßig beobachtet. Da sich die Tiere jeder Gruppe wiederum in flexibel zusammengesetzten Kleingruppen durch den Wald bewegen, ist der aktuelle Aufenthaltsort unterschiedlich vieler Tiere bekannt. Durch langjährige Gewöhnung (Habituierung) an den Menschen, dulden die Bonobos eine Annäherung auf wenige Meter, ohne dass die Beobachtung wesentlichen Einfluss auf das Verhalten der Tiere hat. Um das Risiko einer Übertragung von Krankheiten durch die Forscher auf die Affen zu vermeiden, wird nicht nur immer ein Mundschutz getragen, sondern ein Abstand von 7 Metern nach Möglichkeit nicht unterschritten. Wer krank ist bleibt im Camp. Die Beobachtung der Bonobos erfolgt bis zum späten Nachmittag. Dann bauen die Menschenaffen täglich ein Schlafnest aus Ästen und Blättern hoch in den Bäumen und sind mit großer Sicherheit an diesem Ort am nächsten Morgen wieder aufzufinden. Eine dünne Schnur wird von den Schlafbäumen bis zum nächstgelegenen Pfad durch den Wald gespannt. Diesen zu finden helfen GPS und Kompass.

Beobachtung

Die erste Schicht beginnt früh. Wer morgens zur Beobachtung eingeteilt ist, macht sich rechtzeitig in der Dunkelheit mit seiner Stirnlampe auf den Weg. Ist der Vorabend-Schlafplatz der Bonobos weit vom Camp entfernt, bestimmt der kilometerlange Fußmarsch entsprechend darüber, wann die ersten Wecker klingeln. Die erfahrenen Forscher legen ihren „Arbeitsweg“ im Eiltempo zurück. Ins Schwitzen kommt man in diesem Klima bei fast jeder Aktivität, nun kam ich auch noch aus der Puste und lief mir Blasen in den unzureichend eingelaufenen Schuhen. Ein typischer Anfängerfehler der mir die folgenden Wochen zu schaffen machen sollte. Mit Hilfe der tags zuvor gespannten Schnur, finden sich die Schlafplätze noch bevor der erste Bonobo im Nest erwacht. Ich fragte mich was die Bonobos wohl von uns, die wir jeden Morgen mit unseren Lichtern am Kopf unter ihren Schlafplätzen auftauchten, denken würden.

Für fast alle Forschungsthemen ist es nötig die Individuen in der Gruppe unterscheiden zu können. Legen die Bonobos Strecken, zum Beispiel von einem Fruchtbaum zum anderen zurück, tun sie das auf dem Boden. Die Forscher folgen dabei. Wie bei der regelmäßigen Beobachtung hoch in den Bäumen, ergibt sich daraus, dass meist die Hinterteile der Tiere im Blick sind. Praktischer Weise lassen sich diese viel leichter als ihre Gesichter unterscheiden. Vor allem die Brunstschwellungen der erwachsenen Weibchen sind individuell sehr verschieden. Ich erlebte wie ein Neuling im Forscherteam dennoch mehrere Wochen benötigte, um die Individuen der Gruppe verlässlich unterscheiden zu können. Das dichte Grün des Waldes erlaubt selten freie Sicht. Weiß man schließlich welcher Bonobo im Schlafnest erwacht und in der Dämmerung seine Morgentoilette über den Nestrand erledigt, gilt es achtsam zu sein. Nicht um in Deckung zu gehen, sondern ganz im Gegenteil, um den Urin auf großen Blättern aufzufangen und anschließend mit einer Pipette in ein Sammelröhrchen aufzunehmen. Im Urin nachweisbare Hormone geben Aufschluss zu unterschiedlichen Forschungsfragen.

Vielen Fragen wird durch die Aufzeichnung von Aspekten des Sozialverhaltens nachgegangen. Wer eine romantische Vorstellung von dieser Art der Tierbeobachtung hat, wird hier eines Besseren belehrt: Den Bonobos im unwegsamen Wald, bei meistens feuchtheißem Klima über viele Kilometer am Tag zu folgen, verlangt durchaus körperliche Fitness. Während die Bonobos flink und geradezu geräuschlos durch den dichten Unterbewuchs des Waldes huschen, hat man als Mensch oftmals Mühe Anschluss und Blickkontakt zu halten. Lästige Insekten machen einem zusätzlich das Leben schwer.

Und unter den einfachen Bedingungen im räumlich begrenzten Camp, kann ein neunmonatiger Arbeitsaufenthalt, wie er nicht unüblich ist, schon mal Nerven kosten. Wenn ich mich wieder einmal irgendwo im Pflanzengewirr verheddert hatte und die Bonobos dabei aus den Augen verlor, war ich einfach nur froh sie wieder zu entdecken. Ich hatte den Luxus, ganz ohne Forschungsauftrag, einfach nur alles um mich herum beobachten zu können.  Mit der Zeit entwickelt man ein Gefühl dafür, welche Richtung die Tiere aktuell anstreben. Die Gartenschere hilft leichter voran zu kommen ohne viel Aufsehen zu erregen. Wer die Arbeit eine Weile macht, lernt Spuren zu lesen und Geräusche einzuordnen.

Am frühen Nachmittag ist Ablöse. Während die Bonobos meist eine längere Pause in der heißesten Zeit des Tages machen, sendet das Team eine Nachricht per Satellitentelefon mit den entsprechenden Koordinaten zum Camp. Dort wird die Nachricht erwartet und die Spätschicht macht sich auf den Weg. Mit etwas Glück klappt die Übergabe problemlos. Ziehen die Affen gerade umher, tauschen sich die Forscher über ihren Standort mit Rufen aus. Während die Frühschicht ins Camp zurück läuft, folgen nun die Forscher der Spätschicht den Affen, bis diese vor Einbruch der Dunkelheit wieder mit dem Bau von Schlafnestern beginnen. Jeden Abend, wenn die Bonobos ihren Schlafplatz einrichten, sind ihre “Nestcalls” zu hören. Frei übersetzt, teilen sie mit diesen Rufen Artgenossen in der Nähe mit: “Gute Nacht, ich baue mir hier mein Nest”. Dann ist Feierabend und wieder entscheidet die Lage des Schlafplatzes über die Länge des Weges zurück ins Camp. Wegen der schnell einsetzenden Dunkelheit ist oft auch auf dem Rückweg die Stirnlampe nötig.

Eindrücke und Reflektionen

Durch meine Arbeit mit den Bonobos im Zoo hatte ich gewisse Erwartungen an das Verhalten der Tiere im Wald. Vieles war mir vertraut, manches hat mich aber auch überrascht. Rätselhaft blieb mir zum Beispiel, wie die Einigkeit entsteht in der die Tiere in eine bestimmte Richtung wandern. Und das obwohl sie selbst oftmals keinen Sichtkontakt zueinander hatten. Wenn ich selbst dagegen eine Weile nicht auf den Kompass geschaut hatte und annahm in eine Richtung gelaufen zu sein, belehrten mich Kompass und GPS oftmals eines Besseren. Begegneten sich Kleingruppen nach einigen Tagen der Trennung, war ich überrascht mit welcher Gelassenheit diese Treffen stattfanden. Sämtliche Arten sozialen Kontaktes empfand ich als weniger häufig und intensiv, als ich es von den Zoo-Bonobos kannte. Besonders mochte ich die Momente unter den Schlafnestern in der Morgendämmerung, wenn der Wald erwachte. Auch die seltenen Momente mit richtig guter Sicht auf die Bonobos. Zum Beispiel, wenn sie Rast auf dem Boden oder einem umgestürzten Baum machten und die Jungtiere die Ruhezeit der Erwachsenen zum Spielen nutzten.

Natürlich hatte der Wald noch viel mehr Spannendes als die Bonobos zu bieten. Regelmäßig kommentierten verärgerte Stummelaffen, Meerkatzen und Mangaben die Anwesenheit von Menschen im Wald. Ducker sprangen oft im letzten Augenblick davon und zweimal traf ich auf eine Gruppe Pinselohrschweine. Überall fliegen Schmetterlinge umher und zahlreiche Vogelarten und Insekten sorgten für eine unvergessliche Geräuschkulisse.

Wie die Waldelefanten es schaffen, im dichten Wald ein derart verborgenes Leben zu führen, obwohl überall ihre Hinterlassenschaften zu sehen waren, blieb mir ein Rätsel. Keinem begegnet zu sein war andererseits auch beruhigend. Waldelefant, Leopard und viele andere Tierarten werden erst auf den im Studiengebiet verwendeten Kamerafallen sichtbar.

Ich arbeite bereits lange mit den Bonobos im Zoo Berlin und kenne diese Tiere gut. Vieles habe ich zusätzlich aus Literatur gelernt. Mich mit wildlebenden Artgenossen durch deren natürlichen Lebensraum bewegt, und die Stationen ihres Tagesablaufs verfolgt zu haben, brachte mir jedoch Eindrücke die kein Lehrbuch vermitteln kann. Angesichts der Bedrohung dieses Waldes, vor allem durch kommerzielle Wilderei, trügt leider die Idylle. So bleibt der beruhigende Gedanke, dass wenigstens dort, rund um das Camp und in Zusammenarbeit mit den Dorfbewohnern, die Bonobos und viele andere Tierarten nachhaltig geschützt sind. Nicht zuletzt durch Aktivitäten wie die Anti-Wilderer Patrouillen von Bonobo Alive.

Den Aufbruch einer solchen mehrtägigen Patrouille konnte ich miterleben. Gebildet wird sie aus Dorfbewohnern und Wildhütern der kongolesischen Naturschutzbehörde. Mindestens in deren Aktivitätsradius, der das Studiengebiet überschreitet, soll die illegale Jagd für den Wildfleischhandel unterbunden werden. Schutzmaßnahmen wie die Patrouillen müssen nicht nur organisiert, finanziert und durchgeführt werden, es Bedarf auch einer Kontrolle ihrer Wirksamkeit. Diese Kontrolle begann der Holländer Joost Van Schijndel in Form einer wissenschaftlichen Arbeit zu der Zeit meiner Anwesenheit im Camp. Nun freute es mich sehr zu hören, dass erste Ergebnisse auf einen positiven Effekt der Patrouillen für die Artenvielfalt in deren Wirkungsbereich hindeuten.

Interview mit Primatenforscher Dr. Gottfried Hohmann

Um zu verstehen, was die Forscher im Camp für Arbeit betreiben und welche Bedeutung die wissenschaftliche Arbeit für den Schutz der Bonobos hat, haben wir außerdem ein Interview mit Dr. Gottfried Hohmann geführt. Bis zu seinem „Ruhestand“ hat der Primatenforscher die Bonobo-Forschungsgruppe am Max Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie geleitet, die Forschungsstation LuiKotale aufgebaut und den Verein Bonobo Alive e.V. gegründet. Er beobachtet seit rund 30 Jahren wilde Bonobos in der Demokratischen Republik Kongo und engagiert sich weiterhin für den Schutz und die Erforschung dieser beeindruckenden Tiere in der Wildbahn.

Können Sie uns von ein oder zwei persönlichen Höhepunkten bei Ihrer Arbeit berichten?
Sternstunden erlebt der, der wilde Primaten an sich gewöhnt. Wenn sich ein Bonobo zum ersten Mal in Deiner Nähe ausstreckt, gähnt und die Augen schließt dann sind sich Mensch und Affe so nah gekommen wie es überhaupt geht. Aus wissenschaftlicher Perspektive stellt unsere Entdeckung, dass Bonobo-Frauen jagen und die Beute mit anderen teilen einen Höhepunkt dar. Diese Beobachtung (die für lange Zeit nicht wahrgenommen wurde und nur zögerlich Einzug in die wissenschaftliche Literatur fand) ermöglichte uns einen neuen Blick auf ein Feld welches bis heute als männliche Domäne gilt.
Wir haben von unseren Primatenpfleger Ruben Gralki von einer spannenden Studie zum Schutz der Bonobos erfahren, deren Ergebnisse vor kurzem veröffentlicht wurden. Können Sie uns kurz erklären, was das Ziel dieser Studie war und wie die nötigen Daten gesammelt wurden?
Seit vielen Jahren organisiert Bonobo Alive Patrouillen, um Wilderer und Fallensteller aufzuspüren. Die Wilderei stellt die größte Gefahr für Bonobos und andere Wildtiere dar und sollte mit allen verfügbaren Mitteln verhindert werden. Leider sind die Erfolge bescheiden und nur schwer messbar. Die Wilderer-Patrouillen werden ausschließlich mit Spenden bezahlt, die Bonobo Alive zur Verfügung gestellt werden. Umso wichtiger war es für uns, festzustellen, ob die Arbeit der Patrouillen den gewünschten Effekt hat. Dazu haben wir über ein Jahr lang Daten gesammelt, die Auskunft über Anzahl und Vielfalt von Wildtieren erlauben. Dazu wurden Kamerafallen im Wald aufgestellt die immer dann auslösen, wenn sich etwas im Aufnahmebereich bewegt. Auf diese Weise begegnen einem nicht nur die häufigen Arten sondern auch scheue und nachtaktive Tiere, die man sonst nie zu Gesicht bekommt. Außerdem lassen sich aufgrund des Aufnahmedesigns Hochrechnungen anstellen, die man auf größere Areale übertragen kann. Kern der Studie war der Vergleich der Zahlen aus drei Arealen: 1. dem gut geschützten Studiengebiet von LuiKotale, 2. den von Patrouillen durchkämmten Waldgebieten und 3. einem Gebiet vergleichbarer Größe, in welchem weder Forscher noch Naturschützer aktiv waren. Die Analyse eines solchen Datensatzes ist kompliziert da viele Faktoren berücksichtigt werden müssen. Alle bisherigen Tests ergaben übereinstimmend, dass die Variation der Wildtierbestände in entscheidendem Maße davon abhängt, wie oft ein Gebiet von Patrouillen aufgesucht wird. Je öfter die Patrouillen ein Waldgebiet durchkämmen, umso mehr Tiere gibt es und umso größer ist die Artenvielfalt. Das Investment von Bonobo Alive und seinen Förderern hat sich also ausgezahlt. Ein Ergebnis über das man gern berichtet - gleichzeitig die Verpflichtung, weiterzumachen, die Patrouillen personell und ausrüstungsmäßig zu stärken, den Aktionsradius auszudehnen...
Welche Rolle spielt die Arbeit von Wissenschaftlern für ihren Verein Bonobo Alive und welche Bedeutung haben Zoos für Ihre Arbeit?
Die Wissenschaftler, die im Kongo für Bonobo Alive und das LuiKotale Bonobo Projekt arbeiten sind privilegierte Menschen: Schauen sie doch den Bonobos über die Schulter und erleben so Tag täglich, dass der Schutz dieser und anderer Wildtiere ganz einfach durch ihre Präsenz im Bonobo-Wald möglich ist. Natürlich sind da auch Emotionen im Spiel; die räumliche Nähe und der regelmäßige Kontakt mit Bonobos verwischt die Grenze zwischen ‚uns‘ und ‚ihnen‘. Das sind persönliche Erfahrungen, die im Wissenschaftsbetrieb eine untergeordnete Rolle spielen und das ist auch richtig so. Deshalb braucht es Multiplikatoren und Unterstützer mit einer großen Reichweite und diese Rollen sind Zoologischen Gärten und ihren Mitarbeitern wie auf den Leib geschneidert. Zoos setzen sich erklärtermaßen für den Schutz bedrohter Arten ein. Bonobo Alive bietet eine Schnittstelle für dieses Engagement. Dabei geht es natürlich auch um Fördermittel. Aber auch darum, Menschen die ihr Leben der Pflege von Menschenaffen verschrieben haben, den Blick auf die natürlichen Gegebenheiten zu ermöglichen, Inspiration zu vermitteln, was man im Zoo tun kann, um Menschenaffen etwas von dem zu ermöglichen, was den Artgenossen in der Wildbahn besonders wichtig ist.
Herzlichen Dank für diesen Einblick in Ihre Arbeit und weiterhin viel Erfolg!

Wenn euch dieser Erlebnisbericht genau so fasziniert hat wie uns, denkt beim nächsten Valentinstag, Geburtstag oder Hochzeitstag an die liebevollen Bonobos und überrascht eure Liebsten mit einem wirklich tiefgründigen Geschenk. Gänsehaut-Garantie: Mit einem Beitrag zur Rettung unserer Verwandten – durch eine Patenschaft für einen unserer Bonobos im Zoo Berlin oder einer Spende an den Verein Bonobo Alive - hinterlasst ihr mit Sicherheit einen nachhaltigeren Eindruck, als mit Blumen oder Schokolade!

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