Rettet das Nashorn!

Artenschutz kennt keine Grenzen

Die internationale Zusammenarbeit für den Erhalt bedrohter Tierarten ist seit Jahrzehnten ein gemeinsames Ziel von Zoologischen Gärten und verbindet sie weltweit über politische und kulturelle Grenzen hinweg. Im Zeitalter von internationalen Erhaltungszuchtprogrammen und Aufklärung durch digitale Medien sollte ein so imposantes Tier wie das Nashorn nicht einfach von der Erdoberfläche verschwinden können. Doch im Fall des Nördlichen Breitmaulnashorns passiert in diesen Tagen genau das – ein Aussterben vor laufender Kamera. Damit werden wir Zeuge, wie sich das Nördliche Breitmaulnashorn bald in die traurige Liga der durch Menschen ausgerotteten Tierarten einreiht.

Da waren’s nur noch fünf

Die Weltnaturschutzunion (IUCN) stuft die insgesamt fünf noch lebenden Nashornarten auf der Roten Liste bedrohter Arten wie folgt ein: das Breitmaulnashorn ist potenziell gefährdet, das Panzernashorn gefährdet, Sumatra-Nashorn, Java-Nashorn und Spitzmaulnashorn sind vom Aussterben bedroht. Das Sumatra- sowie das Spitzmaulnashorn sind dabei in besonderer Gefahr, weil ihre Bestände in freier Wildbahn in den letzten Jahrzehnten drastisch gesunken sind. Vom Sumatra-Nashorn gibt es schätzungsweise maximal noch 179 Tiere auf Sumatra, Borneo und möglicherweise im nördlichen Myanmar. Ursachen für den Rückgang dieser Art sind der Verlust der Regenwälder als Lebensraum der Nashörner sowie die Jagd auf das Horn. Das Spitzmaulnashorn war einst häufiger verbreitet als das Breitmaulnashorn. Durch die illegale Jagd auf ihr Horn ging der Bestand zwischen 1970 und 1992 jedoch um mehr als 95% zurück. 1992 und 1993 war der Tiefpunkt mit etwa 2.500 Tieren erreicht. Durch Schutzmaßnahmen konnte der Bestand auf heute etwa schätzungsweise 5.000 Spitzmaulnashörner anwachsen.

Nashorn-Mafia auf dem Vormarsch

Ausgewachsene Nashörner haben keine natürlichen Feinde - ihre einzige, dafür aber stärkste Bedrohung geht vom Menschen aus. Seit 2008 erleben Süd- und Ostafrika ein bisher nie dagewesenes Ausmaß an Wilderei. Die Verluste sind sogar noch drastischer als während der Krise in den 1980er Jahren und betreffen neben dem Spitzmaulnashorn auch das Breitmaulnashorn und den Afrikanischen Elefanten. In den vergangenen acht Jahren haben Wilderer in Afrika mindesten 5.940 Nashörner getötet. Grund ist die steigende Nachfrage nach dem Horn in asiatischen Ländern – insbesondere in Vietnam und China. Im Unterschied zu der Wildereikrise der 1980er Jahre sind die Wilderer heute mafiös organisiert und technisch sehr gut ausgestattet.

Hilfe vor Ort

Zum „World Rhino Day“ am 22. September stellt sich die Frage: Was tun Zoo und Tierpark Berlin, um die bedrohten Schwergewichte zu schützen? Die Berliner Zoos verfolgen mit ihren Kooperationspartnern zwei inhaltliche Ansätze vor Ort – „in-situ“ wie es bei Artenschutzexperten genannt wird. Auf der einen Seite werden die Östlichen Spitzmaulnashörner direkt vor dem Abschuss geschützt, indem die Ausbildung von Wildhütern gefördert wird. Gemeinsam mit der etablierten Non-Profit-Organisation „Save The Rhino International“ unterstützen die Berliner Zoos hier konkret die Ol Jogi Conservancy in Kenia. Ol Jogi ist eines der ältesten und erfolgreichsten Schutzgebiete für Nashörner in Ostafrika. Derzeit leben in dem mehr als 230 Quadratkilometer großen Schutzgebiet 49 Spitzmaulnashörner und 21 Breitmaulnashörner. Vom Östlichen Spitzmaulnashorn gibt es ingesamt nur noch etwa 750 Tiere in Kenia und Tansania, so dass die 49 Exemplare in Ol Jogi einen bedeutenden Anteil des Gesamtbestandes dieser Unterart in Ostafrika ausmachen. Dank eines ausgeklügelten Schutzzaunes, hatte Ol Jogi von 1980 bis 2011 keinerlei Verluste von Nashörnern zu beklagen. In den letzten Jahren stieg die Zahl der gewilderten Tiere jedoch an. Daraufhin hat das Reservat die Anzahl der Wildhüter erhöht und zusätzliche Schutzmaßnahmen wie eine Hundestaffel eingeführt.

Lebensgefahr statt Naturromantik: Kampfausbildung für die Ranger

Doch die Ausbildung und Arbeit der Ranger kostet Geld. Einer der Gründe, warum Mitarbeiter der Schutzgebiete der Versuchung erliegen, die extrem hohen Bestechungsgelder der Wilderer anzunehmen, um einen Tipp zum Aufenthaltsort der Tiere zu geben, ist eine unzureichende Bezahlung und mangelnde Sicherheit. Die romantische Vorstellung von der Arbeit eines Rangers, der auf Pferd oder im Geländewagen wunderschöne Landschaften durchquert und nach seinen friedlich grasenden Tieren schaut, ist leider weit von jeglicher Realität entfernt. Der Job als Wildhüter ist in Wirklichkeit eine harte und gefährliche Aufgabe, für die eine Ausbildung zum Soldaten nützlicher ist, als reine Tierliebe. Wer Dokumentationen oder Filme zum Thema Wilderei kennt, weiß, dass die Situation vor Ort einem Krieg gleicht. Solange das Risiko der Wildhüter höher ist als das der Wilderer selbst, ist der Beruf wenig attraktiv.

„Der illegale Handel von Wildtierprodukten ist ein Milliardengeschäft und weltweit ein großes Problem. Die Nashörner sind in den letzten Jahren besonders stark betroffen“, berichtet Jamie Gaymer, Wildlife and Security Manager im Ol Jogi-Schutzgebiet. Zugleich hebt er die Bedeutung der Wildhüter hervor: „Oft vergessen wir die Wildhüter, die täglich ihr Leben für den Schutz der Tiere aufs Spiel setzen. Mehr als 1.000 Ranger sind in den letzten 10 Jahren ums Leben gekommen. Mit der finanziellen Unterstützung von Zoo und Tierpark Berlin werden wir unsere Wildhüter in Zukunft besser ausbilden und somit die Tiere schützen können.“

Ursachenbekämpfung: Das Übel bei der Wurzel packen

Auf der anderen Seite fördern Zoo und Tierpark finanziell die Aufklärungsarbeit in Vietnam – stärkster Absatzmarkt neben China -, um der gestiegenen Nachfrage nach dem Horn der Nashörner entgegenzuwirken und somit die Ursache für die illegale Jagd zu schwächen. Über das Netzwerk des NGO „Education for Nature Vietnam“ werden vor allem junge Menschen über die Situation der Nashörner und die Auswirkungen der Jagd, verursacht durch den Glauben an die heilende Kraft des Horns vom Nashorn, aufgeklärt und sensibilisiert. Letztlich ist es ein Aberglauben, besteht doch das Horn des Nashorns aus nichts anderem als Keratin – derselben Substanz aus dem Haare oder Fingernägel bestehen. Junge Menschen sollen dazu motiviert werden, sich für den Schutz der Nashörner einzusetzen und den illegalen Handel in Vietnam anzuzeigen. Es ist eine wichtige Arbeit, deren Ergebnis erst mit Heranwachsen der nächsten Generation in Vietnam sichtbar sein wird.

Cathy Dean, Leiterin von „Save the Rhino International“ spricht Zoo und Tierpark ihren großen Dank aus: „Wir schätzen die Unterstützung aus den Berliner Zoos sehr. Dank Ihrer Hilfe können die Wildhüter die Nashörner in Kenia besser (be)schützen und wir können durch Informationsarbeit und Bewusstseinsbildung vor Ort die Nachfrage von Horn in Vietnam minimieren.“

Zoos als Arche: Unterstützung aus der Ferne

Zusätzlich engagieren sich beide Berliner Zoos auch im sogenannten „ex-situ Artenschutz“, also die Arbeit außerhalb der natürlichen Heimat der Tiere. Der Berliner Zoo züchtet Östliche Spitzmaulnashörner seit 1981 und der Tierpark Berlin die Panzernashörner seit 1985. Beide sind wichtige Partner innerhalb der jeweiligen Europäischen Erhaltungszuchtprogramme (EEPs). Ferner führt Berlin im Auftrag der „World Association of Zoos and Aquaria“ als Dachverband aller wissenschaftlich geleiteten Zoos und Aquarien weltweit seit 1966 das Internationale Zuchtbuch für das Spitzmaulnashorn.

„Zoos übernehmen zum Einen die Aufgabe einer ‚genetischen Arche‘, die überlebenswichtige Reserven bereit hält, wenn der natürliche Lebensraum für die Tiere nicht mehr gesichert ist“, erklärt Zoo- und Tierparkdirektor Dr. Andreas Knieriem die Bedeutung Zoologischer Gärten. „Zum Anderen übernehmen die Tiere in Zoos eine wichtige Rolle als Botschafter, die auf die Situation ihrer stark bedrohten Artgenossen in freier Wildbahn aufmerksam machen. So gelingt es uns ein Teil der Einnahmen für die genannten Schutzmaßnahmen für afrikanische Nashörner vor Ort einzusetzen.“

Lichtblicke

Ein aktuelles Beispiel der erfolgreichen Erhaltungszucht lieferten auch die Panzernashörner im vergangenen Jahr im Tierpark. Der kleine „Thanos“ ist nicht nur Publikumsliebling, sondern mit seinem optimistischen Namen - der Unsterbliche - auch ein Hoffnungsträger für die nächste Generation von Panzernashörnern in den Zoologischen Gärten Europas.

Zurück in die Wildnis

Der Zoo Berlin gilt als einer der erfolgreichsten Halter und Züchter von Östlichen Spitzmaulnashörnern in Europa. Die Verbindung von in-situ und ex-situ Artenschutz wird dann deutlich, wenn Tiere, die in menschlicher Obhut geboren wurden, in ihre ursprüngliche Heimat zurückkehren. So wurde die 2006 im Zoo Berlin geborene Spitzmaulnashornkuh Zawadi 2012 zusammen mit anderen Spitzmaulnashörnern aus europäischen Zoos in den Nationalpark Mkomazi in Tansania überführt und dort angesiedelt, um eine neue Population mit zu gründen. Mit Erfolg: Im Juni 2016 brachte Zawadi in Tansania ihr erstes Jungtier zur Welt.

Kommentar verfassen

*
*

* Pflichtangaben

No comments